Vollendete Harmonie
Unsere Welten sind voller Rätsel, die uns umgeben wie die Luft, die wir atmen, das Licht des Tages, die Finsternis unserer Nächte.
So fliehe ich oft am Nachmittag vor ihnen, nach den Stunden über den Büchern, hinaus aus dem Appartement, in den Jardin. Dort suche ich mir, ein alter, unbemerkter Mann, gestützt auf seinen Stock, eine Parkbank inmitten der Menge der Vorübereilenden, der gemächlichen Spaziergänger, der Verweilenden.
Ich sammele nicht nur die Bücher, die ich gelesen habe oder lesen sollte, sondern auch Gesichter; denn wenn einige unsere Rätsel einmal eine Antwort finden werden, dann dort. Dort, wo unsere Lebensläufe, Schicksale, die Sehnsucht, die Suche, das Glück und – oft- das Unglück aufbewahrt sind.
Aber nun zu der kurzen Geschichte, von der zu berichten mir – vielleicht als einziges – aufgetragen ist.
An einem dieser Nachmittage sass, mir gegenüber, auf der anderen Seite des geharkten Weges eine junge Frau allein auf der Bank und las. Ihr dichtes schwarzes Haar leuchtete vor der roten Blütenfülle eines Rosenbusches. Dem ersten Blick erschien sie unauffällig, dem zweiten ihrer selbst sicher und bewusst. Als sie dann – wie es so oft geschieht – von ihrem Buch aufblickte und zu mir herübersah, traf mich der Blick ihrer blauen klaren Augen und ihres hellen offenen Gesichtes wie ein plötzlicher Schmerz, der Schmerz jäher, versunkener Bilder. Ein Turm, eine Frau, die weite Sicht über eine kleine Stadt, eine grüne Ebene, dahinter die sich verlierenden Berge … „Nun weisst Du alles über mich.“ – „Ja, ich danke Dir. – Ich habe es wohl schon immer gewusst.“ antwortete sie, ergriff ein letztes Mal meine Hand, sah mich mit tränengefüllten Augen an und ging fort … Sie hiess, ja, sie hiess Ariadne.
Der Bilderstrom brach jäh ab – vor der Bank stand ein junger Mann, beugte sich zu Boden, als suche er etwas, ging weiter, kehrte nach wenigen Augenblicken zurück, hielt wiederum inne und schaute die Frau an, die nun wieder las. Dann trat er an den Rosenbusch, brach eine der Blüten, setzte sich neben die junge Frau und sprach leise zu ihr – ich konnte die Worte, trotz der geringen Entfernung, nicht verstehen. Dann reichte er ihr die Blume. Sie sah ihn an, nahm mit ihrer Rechten die Blüte, mit der Linken berührte sie mehr als einen Augenblick lang seine ausgestreckte Hand.
So sassen sie regungslos und blickten einander in die Augen. Die sich pötzlich mit Tränen füllten – die Seinen wie die Ihren. Sekunden – oder waren es Tage, Monate, Jahre, Ewigkeiten? – verstrichen. Jäh legte sie das Buch auf die Bank, die Blüte darauf, wandte sich ab, stand auf und ging fort. Nach wenigen Schritten hielt sie inne, wandte sich um, winkte ihm zu, ging weiter und tauchte ein in den Strom der Spaziergänger auf dem Hauptweg des Jardin. Er sass erstarrt, dann schlug er die Hände vor das Gesicht.
Einige Minuten lang rang ich um Fassung; der junge Mann sass immer noch, das Gesicht in den Händen verborgen, mir gegenüber. Ich ging zu ihm hinüber, setzte mich neben ihn auf die Bank. „Ich habe gesehen, wie Sie ankamen und wie sie fortging“ – Er blickte auf: „Wissen Sie, was gerade geschehen ist?“ – „Das weiss ich nicht. – Kannten Sie diese Frau?“ fragte ich zurück. – „Nein, aber ich wusste immer, dass ich ihr eines Tages begegnen müsse. Und als sie mich ansah, konnte ich in ihren Augen die kommenden Jahre, unser ganzes Leben, ja sogar unsere Kinder sehen.“ – „Und dann kamen Ihnen die Tränen?“ – „Ja, ich habe geweint.“ – „Wissen Sie auch, was sie erblickte, als sie in Ihre Augen sah?“ – „Wissen Sie es?“ – „Das nicht, aber ich vermute, sie sah dieselben Bilder wie Sie.“
Er schwieg und sah mich an, als erwarte er, dass ich weiter spräche. „Nein, auch wenn Sie ihr gefolgt wären, hätten Sie sie nicht aufgehalten. – Nehmen Sie diese Rose,“ sagt ich und hielt ihm die Blume entgegen, die er selbst gebrochen hatte, „Hüten Sie sie und hüten Sie sich vor ihr.“
Er schaute mich noch immer schweigend an.
„Es geht wohl nicht anders. – Und ich glaube, sie heisst Ariadne.“ setzte ich hinzu.
„Ich werde sie hüten.“ antwortete er schliesslich, nahm sie aus meiner ausgestreckten Hand, stand auf und ging, ohne sich nochmals umzuwenden, fort.
„Geben Sie Acht, all unsere Fäden sind sehr dünn!“ rief ich ihm nach.
Neben mir auf der Bank lag das Buch, in dem sie gelesen hatte. Es war eines der wenigen Exemplare, die von Kaspar Viators Encyclopedia angelorum erhalten sind. – Und hatte ihr Gesicht nicht den Ausdruck eines jener Engel, die irrtümlich – also nach der Höheren Vorsehung – in unserer Welt gestrandet sind, hier die eigene Fremdheit spüren, aber nach göttlichem Verdikt nicht mehr wissen dürfen, woher sie kommen und wohin sie gehören?
Der kleinere Trost ist mir geblieben: Trotz meiner Inserate in den Zeitungen und der Meldung bei der Polizei kam weder die junge Frau noch sonst jemand, um das Buch bei mir abzuholen …