Aus den Büchern über die Bücher der Anfänge – 2. Stück
Niemand kennt die Zahl der Anfänge der Welt, so schrieb ich vor langer Zeit, an einem vergessenen Ort – aber vielleicht ist das Geheimnis noch grösser, vielleicht entströmt das Ganze der unendlichen Welt aus einer Quelle ….
Unter den unendlich vielen Bibliothekaren der Grossen Bibliothek gibt es die kleine, unbekannte Gruppe der Altgewordenen, den verbogenen Bund derer, die nicht mehr über unendliche Gänge und Treppen laufen, nicht mehr unendlich viele Bände sichten können um zu prüfen, ob sie in einer der bekannten Sprachen Sinnvolles enthielten …
Sie, die Verborgenen, teilen ein Geheimnis – sie sammeln Asche. – Die Asche der verbrannte Dochte in den Lampen, die sich seit undenklichen Zeiten wie von selbst erneuern. Sie sammeln sie zu Zwecken, die sie verbergen müssen …
Jene, welche die Weiten der Bibliothek durcheilen auf der Suche nach den Bänden mit verständlichen Worten und getrieben von den Sehnsucht nach den Büchern voll Sinn – sie sind verloren. – Wer eines von ihnen fände, müsste es verbergen, wollte er nicht alsbald von seinen Mitsuchern zu Tode gebracht werden. – Jene tragen keine Namen: Sie sind ALLE.
Anders aber die heimlich Ent-Eilten, die nicht mehr zu eilen vermögen, die schon zu lange wanderten und suchten. Sie, die einander nicht kennen, aber erkennen – am Faltenwurf ihrer weniger wehenden Gewänder, an den leise zögernden Schritten zwischen einem Regal und dem nächsten und – vor allem – an dem Glanz in den Augen und dem Lächeln, wenn niemand zu ihnen hinüberschaut – sie tragen den Namen, den sie sich selbst gaben und nie aussprachen.
Denn sie hatten die Asche. Und sie sammelten die Bücher, in denen sie nach langer Prüfung keine bekannte Sprache erkannt, keine Botschaft entdeckt und keinen Sinn geborgen hatten. – Sie besassen ein geheimes System, das es ihnen erlaubte, miteinander in Kontakt zu treten, Ideen, sinnlose Bücher und Asche auszutauschen, obwohl sie sich nicht kannten, nie begegneten und einander nie zu erkennen gaben. Und dennoch blieben sie in der unendlichen grossen Gemeinde der Bibliothekare nicht verborgen, obwohl noch nie ein Lebender einen von ihnen getroffen, erkannt und von ihm gesprochen hatte. Die Verborgenen aber hiessen mit dem Namen, den sie sich unausgesprochen selbst gegegen hatten: Die Logotheten.
In der Grossen Bibliothek aber gab es keine grössere Ketzerei als diesen Namen. Wann immer zwei Bibliothekare sich begegneten und ein mit Asche gezeichntes Buch fanden, so wussten sie: Einer der Logotheten hatte hier verweilt, ein Buch genommen, geprüft und es dann mit seinen Aschezeichen versehen. Und sie, die dieses Buch gefunden hatten, wussten, dass sie zu den Logozeten gehörten. Und erkannten ihre Verzweiflung – um darüber zu schweigen und wie beiläufig das gefundene Buch mitzunehmen, über andere Bücher zu reden. Und jeder versuchte, das Buch an sich zu bringen, um alsbald, nach dem Abschied vom dem Kollegen, der irgendwann in anderer Richtung weiterziehen würde, das Buch zu studieren, die Aschezeichen zu betrachten und zu erkennen, wozu sie gesetzt seien.
Im Laufe der Jahrtausende hatte niemand je einen der Logotheten gesehen und keiner sich selbst laut einen Logozeten genannt. Niemand hätte den Schrecken überstanden, denn das Eingeständnis, nach Büchern zu suchen, in denen sich lesbare Wörter, Sätze, Seiten fanden, sondern nach den Zeichen, die von menschlicher Hand neu geschrieben worden waren – es hätte bedeutet, die Existenz der Sinnschaffenden, der Sinn-Setzenden, einzugestehen.
Ich aber, nachdem ich alt geworden bin, Tausende von Kammern der Grossen Bibliothek durchwandert und erforscht, Zehntausende von Büchern entdeckt, in denen seit Anfang der nicht verrinnenden Zeit noch niemand einen Sinn gefunden, aber noch kein einziges der Verheissenen – nun also will ich hier, in dieser Kammer, dem vielleicht letzten von mir betretenen Sechseck, zu Papier bringen, was ich hörte, ahnte, sah und tat.
Auch ich sammelte Asche …
Auch ich fand ihre Spuren …